Texte: Programm

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Themen zu ASPEKTE

(Texte von Samuel Waldburger)


I

8.1.2010

Kultur schafft Religion
Religion schafft Kultur  

Nur geben sich beide gern unverträglich. Verlangen von der anderen Seite Vorleistungen oder demonstrieren Desinteresse, oder rufen aus: Nur hier nicht. Religion kann getätigt werden (von ReligionstäterInnen), um sich gegen die Leistungen der (aufklärerischen) Kultur zu schützen, als Biotop, noch immer, der Antiaufklärung. Kulturwerke können geschaffen werden auf dem Hintergrund der Ablehnung von Religion aus biografischen Gründen und aus Erfahrung. Religionserfahrungen, die wie ein Gittersystem oder Sieb die kreative Tätigkeit einschränken oder hinauswerfen. Kulturelle Tätigkeiten können die Funktion von Regelverletzungen in religiösen Regelsystemen haben, ob gewollt oder ungewollt. Die Gefahr besteht immer, im Prinzip nach dem Modell der Ketzerei behandelt zu werden. Das bedeutet nicht Skandal, sondern Eliminierung des Kunstwerkes und Verbrennung des Ketzerwesens. Ich denke, dass diese Ängste tief verwurzelt in den meisten schlummern und wirken.  
Im Weissen Raum wird das Gittersystem der Konfessionen durchbrochen, wird Religion als ein offenes Feld des Lebens und als Element der Kultur (der menschlichen Lebensweisen) zugänglich gemacht, ohne Anspruch auf Autorität. Gegenwärtig scheint die Beschäftigung mit Religion für gewöhnliche Leute, die nicht als ExpertInnen gelten oder eine gewisse Prominenz erreicht haben, nur im privaten Bereich möglich oder im Rahmen einer Konfession. Religion betrifft das Innerste der Menschen, aber es wäre eine Illusion zu glauben, dass das Engagement, das die Institutionen verlangen und Glauben nennen, auf dieses Innerste Rücksicht nehmen, im Gegenteil. Sie wollen, zunehmend auch die reformierte Kirche, ihre kirchlichen Vorstellungen dort gesetzt haben. Demgegenüber nehmen wir die individuellen Ausdrucksformen und Gestaltungen wie andere Produktionen der Kultur in ihrem anspruch auf.   Religion wird als Kultur verstanden und als die Systeme oder Fantasien, die in der Welt (mit den anderen Menschen), auf der Erde (mit den anderen Lebewesen, der Natur- und Menschengeschichte) und im All (den unvorstellbaren Dimensionen) orientieren und positionieren.  
Kultur verstehe ich als alle gestaltenden Tätigkeiten und Äusserungen von Menschen, ob sie in Sprache, in Bewegung, in Musik (Geräuschen) oder in der allgemeinen Lebensgestaltung sich äussern. Von besonderer Bedeutung sind existentielle Themen (Kooperation, Gewalt, Sexualität, Generativität, Tod). In der Programmgestaltung stützen wir uns einerseits auf professionelle oder anderswie ausgewiesene KulturtäterInnen, andererseits soll das gerade nicht ausschliessen, dass andere Menschen sich äussern. Es ist das Ziel, solche Äusserungen zu fördern.  
Im Bereich der Religion gilt dasselbe. Professionelle Kenntnisse haben die Funktion sinnklärender oder sinnstiftender Interpretation. Insofern ist die Psychoanalyse von zentraler Bedeutung, da sie zusätzlich zur Interpretationstechnik auch Grundstrukturen zur Ortung des Individuellen gibt. Die grösste Bedeutung hat die Handhabung der Emotionalität der religiösen, kulturellen und individuellen Vorstellungen und Gestaltungen. Die Sichtweise wird von intellektuellen auf das Emotionale geschwenkt. Selbstverständlich hilft der psychoanalytische Hintergrund auch, die Verknüpfung mit übergeordneten Strukturen (Politik, Weltanschauungen, Sprache und Geschichte der Ästhetik) herzustellen. Es ist mit Skepsis gegenüber Selbstverständlichem, eindeutigen Meinungen oder gar Wahrheiten zu rechnen. Wir bewegen uns in Gebieten, wo es kaum richtige Antworten (nur Informationen) gibt und wo wir Aussagen auf persönliche Erfahrungen und Wertungen beziehen, oft auch auf solche, die von Institutionen vorgegeben sind.  
Die Folge für die Gestaltung von Veranstaltungen ist, dass manche Teile von Improvisation bestimmt sein müssen, was manchen schwierig vorkommen kann, anderen Angst macht. 

 

II

23.5./5.6.09    
Meine Religionen (und ein legendarischer Exkurs)  

Manchmal versuche ich die Religionen zu zählen, die in mir anwesend sind, und die mich manchmal mehr, manchmal weniger erfüllen. Es gelingt mir nicht, sie zu zählen. Einige vergesse ich, von anderen habe ich nie etwas erfahren, oder sie halten sich vor mir verborgen, wirken aber durch List und Tücke. Es muss bei generellen Angaben bleiben.
Da sind Götter und Dämonen von Kontinenten und Inseln, sie tummeln sich in mir. Inseln sind mir vermutlich näher, da ich auf einer Insel aufgewachsen bin, der nur das Meer fehlt, von dem Reste im Boden-, Neuenburger- und Genfersee geblieben sind, und unsere herabfliessende Ganga, wie der Ganges: der Rhein, Ausfluss unseres Himmelsmeeres. In mir finde ich einige von den Göttern Indiens, einige davon intensiver: Prajapti, Shiva, Krishna manchmal auch, nur ist mir seine Verehrung unsympathisch; und viele von den Erben Buddhas, Manjusri am meisten, weil er ein Schwert und ein Buch trägt wie das Denkmal Zwinglis: mit dem Schwert die Unwissenheit zu vertreiben, die durch Gewalt und Macht erzeugte, und die Weisheit, die aus den Samen des Buches keimt.
In mir die 613 Aspekte des Gottes mit dem verschwiegenen Namen des jüdischen Schicksals, diese lange Geschichte, und der zwiespältige, d.h. dreifältige Pakt der Christen, den selbsternannten Erben des jüdischen Erbes. Fast alle Aspekte dieses Gottes gingen beim erzwungenen Erbgang verloren, bis auf Gericht und Gnade. Mit dem Widerspruch, dass die Gnade nicht allmächtig sein darf, um Gnade zu sein, und allmächtig sein muss, um als Gnade möglich zu sein, und sich folglich auftürmte zu Macht, die mit Gewalt regiert. Ich frage mich, ob die 613 Aspekte nicht doch bewahrt wären in den Erzählungen von und zu Jesus, wenn man sie zur Auferstehung zuliesse.
In mir die hundert Namen Allahs, die ich gar nicht kenne, aber etwas vom Glanz, den sie beschreiben, mitbekommen habe. In mir die Griechen mit ihrer unaufhörlichen Sonne im Gesicht, als Männer, und die Geschichten der wenigen Frauen, die unangepasst geblieben sind: Artemis, und die halbgöttlichen Frauen, die Medusa und – Penthesilea. Etwas blass bleiben daneben die mastigen römischen Götter, die gerecht erscheinen, weil sie nichts sehen. Und dann im Dunkel des Verschwindens sind die Gallier zu vermuten. Wotan und sein Gefolge oder Gelage fehlt. Ich trinke kein Bier, oder nur, wenn ich nicht an Götter denke, sondern ganz einfach Durst habe.      

Exkurs zu den einzigen Göttern und zum einzigen Gott.
Es gibt einige, die die einzigen Götter sind, neben denen es keine anderen gibt. Und das ist ein Problem. Sie schätzen es nicht, wenn man sie in Gesellschaft bringt. Sie reagieren mit der verletzten Wut des Autisten.
Ich weiss, wovon ich rede, ich bin auch nicht besser. Es ist für mich eine grosse Herausforderung unter Menschen aufs Tram zu warten, die sich nicht an die eherne Regel des Autisten halten, immer im grösstmöglichen Abstand zum Nächsten zu stehen. Wieviel heftiger wird ein Gott reagieren, wenn ihm zu nahe getreten wird, wenn er in seiner Ewigkeit wartet, wo doch gar kein Tram kommen kann.
 
Und etwas andres kann er nicht machen als warten, seit er ins Laufgitter theologischer Sätze und Definitionen gesetzt wurde. Unendlich muss er sein, sozusagen die Liebe selber, ohne zu erfahren, was denn mit Liebe gemeint ist; unwandelbar, in ewiger Ruhe aktiv, man schreibt ihm vor, was er zu tun und zu lassen hat. Seine Aktivitäten, wenn es sie gibt, lösen Empörung aus: also dass Gott so etwas zulassen kann! Man erwartet, dass er jeden menschlichen Sexualkontakt misstrauisch betrachtet und prüft, ob der Kinderwunsch auch wirklich dominant sei. Gibt es Konflikte, muss er einfach nur dagegen sein. Man erwartet, dass gegen das Böse ist, das Böse vernichten will, und dass er zu diesem Zweck die Hölle einrichten und betreiben müsse. Er muss zu allem fähig sein, aber rätselhaft bleiben, weil er das, was man von ihm erwartet, dann doch nicht tut.
Er wird definiert und beschrieben. Kein Mensch würde es ertragen, derart fremddefiniert und fremdbestimmt leben zu müssen, im Käfig theologischer Traditionen.

Es gab andere Zeiten, da erzählte man noch Geschichten von seinem Zorn, von seiner Rachsucht, von seiner Liebe, seinem Begehren nach einer Frau, sei es nun Astarte oder Israel gewesen. Aber je mehr seine Präsenz auf Erden institutionalisiert wurde und schlagkräftige Organisationen die richtigen Definitionen Gottes in die Hand nahmen, desto weniger konnte er seine emotionalen Seiten oder gar Schwächen zeigen. Er durfte nicht weinen, nicht traurig sein, keine Zärtlichkeit geben. Es wurde alles hart, sogar die Liebe wurde unerbittlich, und aus dem Zorn wurde gerechtes Gericht. Beleidigt über alles und jedes konnte er in seinem Käfig donnern, schnauben oder was auch immer, seine Institutionen fanden den angemessenen Ausdruck. Da sitzt er in seinem Käfig von Wahrheitssätzen gefangen, alle singen Halleluja. Wäre es nicht schön, er könnte einmal eine Zigarette rauchen oder sonst etwas Ungesundes machen. Sicher wäre dann seine Magenverstimmung gemildert, und er müsste nicht über alles und jedes aufs heftigste und in alle Ewigkeit verstimmt sein.  

Nun begab es sich, dass seine Platzhalter auf der Welt, Theologen, Pfarrer, Bischöfe, Kirchenräte und Päpste, aber auch Oppositionelle, Protestanten, führende Atheisten mit ihrer reziproken Theologie und Teufelsanbeter sich gleichzeitig vor der Himmelspforte einfanden und anklopften. Petrus, wie zu erwarten, schlurfte herbei, öffnete die Pforte und hiess sie willkommen. Dann sprach er: "Ihr wollt zu Gott?  Ich bedaure es, aber wir wissen nicht, wo er ist. Wir haben keine Verbindung mit ihm. Wir halten den Betrieb aufrecht, wie ihr auf Erden auch." Da entstand ein gewisser Tumult: "Wo ist er? Er muss doch hier sein!" Petrus machte ein gequältes Gesicht: "Ich sagte doch, wir wissen nicht, wo er ist. Er hat einen Zettel hinterlassen mit den Worten 'Die Fantasie an die Macht!', gross, quer über das Blatt, und darunter hinzugefügt 'Das wird euch selbständig machen'. Nun sitzen wir da und fragen uns, was das heissen soll 'selbständig'. Wir sind uns nur die rechtschaffene Harmonie des Himmels gewöhnt. Nun aber ist die Stimmung gedrückt, um nicht zu sagen depressiv. Niemand mag mehr singen. Auch in der Hölle hat sich Hoffnungslodigkeit ausgebreitet. Die ewigen Perversionen sind plötzlich nur noch langweilig. Die Suizidrate unter Teufeln und Dämonen ist in erschreckende Höhen gestiegen, und der Satan ist nur noch ein Häufchen Elend. Wir werden den Betrieb bald schliessen müssen. Gott... – wir vermuten, er schwebt durchs All und besucht die Sterne." Und mit einem sehr säuerlichen Lächeln fügt Petrus noch hinzu: "... in Begleitung der Schlange." Petrus schwieg.
Dann redete er vor sich hin, als wüsste er nicht, was er sagte: "Dort schweben sie herum und streuen Magie ins All, und die Sterne leuchten noch siebenmal bedeutungsvoller. Gott und die Schlange schwimmen durch die Illusionen, die das All ausgespannt hat in seiner fortschreitenden Ausdehnung. Illusionen: Du blickst zu den Sternen und fühlst deine volle Gegenwärtigkeit, aber was du siehst, war vor langer Zeit. Du siehst die Vergangenheit von Millionen von Jahren, und die Gegenwart, die du nicht sehen kannst, liegt in Millionen von Jahren in der Zukunft. Die Sterne verwirren dich mit ihrem längst vergangenen Licht und begleiten dich in deine Zukunft aus ihrer Vergangenheit. Gegenwart ist etwas anderes. Das Begehren, das du fühlst. Ist es die Schlange, die alles mit Begehren erfüllt – was wäre das Leben ohne etwas oder jemanden zu begehren, die einzige Gegenwart des Lebens? Was wäre das Leben ohne den lasziven Tanz der Schlange, ohne das Gift, das auch den Tod bringt? Ohne das Begehren, das quer durch die Zeiten schwimmt, von Stern zu Stern, und aus dem Wirbel der Erinnerungen dich in deinem Bewusstsein entstehen lässt... Ist es die Schlange, die im Himmel – und in der Hölle – fehlt, oder ist es Gott selbst, die letzte Illusion unseres Begehrens?" Petrus schwieg, alle schwiegen. Das grosse Schweigen, das man schweigt, wenn man weiss: Wir stehen erst am Anfang. ***